Besinnliches

Nächster Sonntagsgottesdienst

Sonntag, 23. Februar, Estomihi
Wochenspruch: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Lukas 18,34)
Predigttext: Lukas 18,31-43
9.30 Uhr Gottesdienst mit Feier des Abendmahls mit Pfarrerin Barbara Koch.
Die Kollekte des Gottesdienstes ist für die eigene Gemeine bestimmt.

Die Jahreslosung 2020 weist einen Weg aus dem Rätsel der eigenen Existenz. Es scheint so zu sein, dass die Frage: "Wer bin ich?", die Frage nach der eigenen Identität eine ganz moderne Frage ist. Die Anworten, die unsere Zeit darauf gibt, hängen alle mit dem so groß geschriebenen "Selbst" zusammen.
Ich habe Selbstzweifel und brauche Selbstvertrauen. Ich habe Schuldgefühle und brauche Selbstbejahung. Ich soll lieben und brauche doch erst einmal Selbstliebe. Und es gibt unzählige Ratgeber für diese Problematik, die ich Existenznot nennen möchte und die wohl jeder und jede von uns kennt. "Fühl dich erst mal gut! Glaub an dich selbst! Mach dich schön!" Lauter Imperative, die uns in unserer Existenznot wieder auf uns selbst zurückwerfen.

Jahreslosung 2020Die Karte zur Jahreslosung der Evangelischen Frauen in Deutschland von Fotograf Pavel Kibenko, "Blickwechsel" genannt, zeigt eine Tänzerin, die ihrem Spiegelbild gegenübersteht (Quelle: Evangelische Frauen in Deutschland im Evangelischen Zentrum Frauen und Männer gGmbH). Fast sieht es so aus, als wolle sie in einem großen Schritt in den Spiegel hineintanzen, eintauchen in die Oberfläche, die wie eine Waseroberfläche scheint, eine bewegte Wasseroberfläche wie ein See, in den man eintauchen kann und so eins werden mit seinem Spiegelbild. Doch die Hand der Tänzerin zeigt schon die Grenze, die Unmöglichkeit, hinter den Spiegel zu gehen.
Das Bild berührt mich und weckt ein Gefühl, das mir vertraut ist: die große Sehnsucht, die Fremdheit zu mir selbst aufzulösen, die Erfahrung meiner eigenen Rätselhaftigkeit, der Unmöglichkeit, selbst eine Antwort zu finden auf meine Frage: "Wer bin ich", indem ich in den Spiegel schaue, mich selbst erforsche, nach Selbsterkenntnis strebe und meine Lebensgeschichte befrage. Wie die Tänzerin komme ich an eine Grenze und was mir entgegenkommt ist nur ein undeutliches Spiegelbild meiner Selbst.
Der Apostel Paulus kennt diese Erfahrung und benennt sie mit den Worten: "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild" (1. Korinther 13,12 nach Luther). Dietrich Bonhoeffer benennt sie in seinem Gedicht "Wer bin ich", das er im Juli 1944 im Gefängnis geschrieben hat. (Bitte nachlesen, kann aus Gründen des Copyrights hier nicht eingestellt werden). Dietrich Bonhoeffer überschreitet in seinem verzweifelten Fragen den Zirkel des eigenen Selbst und wendet sich an die größere Macht, die ihn birgt. Auch Paulus fährt fort: "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin." Der Weg aus der Rätselhaftigkeit der eigenen Identität überschreitet die Grenzen des eigenen Selbst.
Diesen Schritt zu tun ist uns selbst unmöglich. Er liegt nicht im Bereich der eigenen Machbarkeit. Er ist nicht unser Vermögen, nichts, zu dem wir imstande sind, einfach so, aus eigener Kraft, weil wir es eben mal beschlossen haben, dass wir das so machen.
Und doch hängt unsere ganze Existenz davon ab, ob wir Zutrauen gewinnen zu dieser größeren Macht. Der Theologe Karl Barth schreibt (in: Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie): Die "Antwort auf die Frage, das Ende der Existenznot ist das schlechthin neue Geschehen, dass das Unmögliche selbst das Mögliche wird, der Tod das Leben, die Ewigkeit Zeit, Gott Mensch. Ein neues Geschehen, zu dem kein Weg führt, für das der Mensch kein Organ hat."
Man beachte: Wieder kommt das Wort "selbst" vor, aber diesmal ist es das Selbst außerhalb der Grenzen unseres eigenen Selbst. Es ist das Selbst, das uns geschaffen hat, das uns birgt im Leben wie im Sterben, das uns umgibt von allen Seiten und doch in uns ist. Es ist das Selbst, dessen Abbild wir sind und doch ganz anders, das uns kennt, viel umfassender und tiefer als wir selbst uns kennen und verstehen können.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.