Besinnliches

Glocken

Musik zum Eingang

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des dreieinigen Gottes.
Im Namen des Schöpfers des Himmels und der Erde,
im Namen des Heilands der Welt,
im Namen des Geistes, der lebendig macht.
Amen.

Einen guten Morgen Ihnen allen!
Seien Sie sehr herzlich willkommen zum Gottesdienst am 9. Sonntag nach Trinitatis.
Gottes Gaben sind Anspruch und Zuspruch in einem: "Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern", so der Wochenspruch bei Lukas.

Wir hören "All Morgen ist ganz frisch und neu" EG 440,1-4

Wir sprechen das Psalmgebet, Psalm 63 EG 729, abwechselnd die eine und die andere Bankreihe.
Das Ehr sei dem Vater sprechen wir genauso.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn...(gesprochen)

Eingangsgebet

Geist,
befreiender, tiefer Atem,
du erhältst unser Leben
durch beflügelte Schritte,
alle Tage neu -
auf dich hoffen wir.
Jesus,
gottbegabter Mensch,
du teilst unser Leben
in Freude und Lachen,
in Fragen und Angst
bis zuletzt -
durch dich vertrauen wir.
Gott,
nährende, erhaltende Macht,
du trägst unser Leben
jeden Tag neu,
jetzt und immerfort -
an dich glauben wir.

Hör uns, wenn wir in der Stille zu Dir beten.

Stilles Gebet

Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft.
Amen.

Meine Hoffnung und meine Freude,
meine Stärke, mein Licht,
Christus, meine Zuversicht,
auf Dich vertrau ich und fürcht mich nicht,
auf Dich vertrau ich und fürcht mich nicht.

Schriftlesung

Die Schriftlesung heute findet sich im Evangelium des Matthäus. Die sogenannte Bergpredigt, die er überliefert, enthält Worte Jesu an seine Schülerinnen und Schüler. Ich lese aus dem 7. Kapitel die Verse 24-27. Sie warnen uns davor, allzu selbstsicher in Gottes Namen zu sprechen.

Hauptlied: Die Erde ist des Herrn, EG 659, 1-4

Predigt

Liebe Gemeinde,

ich lese den Predigtabschnitt für den 9. Sonntag nach Trinitatis in diesem Jahr, Jeremia 1, 4-10.

"Da geschah das Wort Gottes an mir:
Schon bevor ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich erkannt.
Noch bevor du aus dem Mutterleib herauskamst, habe ich dich geheiligt.
Zum Prophet für die Völker habe ich dich gegeben.
Ich sagte, ach Gott, du göttliche Macht, schau, ich kenne die Wörter nicht, ich bin noch so jung.
Gott antwortete mir: Sag nicht, ich bin noch so jung.
Denn wohin ich dich schicke, sollst du gehen.
Und was ich dir auftrage, sollst du sagen.
Fürchte dich nicht vor Ihnen!
Denn ich bin mit dir, um dich zu retten. Spruch Jahwes.
Da sandte Gott seine Hand aus und berührte meinen Mund und sagte zu mir:
Hiermit habe ich meine Worte in deinen Mund gelegt.
Siehe, heute setze ich dich über die Nationen und über die Königreiche ein,
um auszureißen und einzureißen,
um zugrunde zu richten und niederzureißen,
um aufzurichten und einzupflanzen."

Liebe Gemeinde,
Jeremia hat es mit Gott zu tun. Sein ganzes Leben, seine ganze Existenz ist in Gottes Blick.
Schon bevor er das Kind seiner Eltern war, war er Gottes Kind, von ihm erkannt, geliebt und auf die Welt geschickt mit diesem Auftrag: Gottes Mund zu sein. Ein "nabi" für die Völker, ein Prophet, Gottes Widerspruch gegen seine Welt, ein Wort Gottes an die Nationen, das Geschichte macht: Umbrüche, Niedergänge, Katastrophen, Eroberungen, Zerstörungen, Neuanfänge, Wiederbeginn.
Es ist Gottes Wort, das die chaotische und schicksalshafte Geschichte des siebten und sechsten Jahrhunderts vor unserer Zeit macht, und nicht menschliche Willkür und Machtstreben der Völker.
Und Jeremia soll dieses Wort sagen, ausrichten, selber sein.
Jeremia ist jene Gestalt, die die wohl schwierigste Phase der Geschichte Jerusalems und Judas, ihren Untergang, erlitten, begleitet und gedeutet hat, 40 Jahre lang. Als Endpunkt seines Wirkens gilt das Jahr 587/586 vor Christus, das Jahr der Tempelzerstörung durch die Großmacht Babylon.

"Der Prophet" von Jochen Klepper

"Kein Prophet sprach: "Mich Geweihten sende!"
Eingebrannt als Mal war es in allen:
Furchtbar ist dem Menschen, in die Hände
Gottes des Lebendigen zu fallen.

Kein Prophet sprach: "Mich Bereiten wähle!"
Jeder war von Gottes Zorn befehdet.
Gott stand dennoch jedem vor der Seele,
wie ein Mann mit seinem Freunde redet.

Kein Prophet sprach: "Gott, ich brenne!"
Jeder war von Gott verbrannt.
Kein Prophet sprach: " Ich erkenne!"
Jeder war von Gott erkannt.

Wer das kennt, der weiß es:
Es ist schwer, nicht sein zu dürfen wie alle anderen. Ausgesondert zu sein, aus welchem Grund auch immer, anders zu sein als die große Mehrheit.
Es kann eine Behinderung sein, die mich mit meinem ganzen Leben und meiner ganzen Existenz dem herrschenden Leistungsdenken widersprechen lässt und die Botschaft von der Würde und dem Wert jedes Lebewesens sagen lässt - ob ich will oder nicht. Ich kann mich diesem Auftrag nicht entziehen. Denn ich bin wie ich bin. Und nehme ich dies an, bekomme ich Worte, bekomme ich Hilfe, bekomme ich Beistand.
Es kann meine Gabe sein, Menschen zu lieben, seien sie männlich oder weiblich, die mich mit meiner ganzen Existenz dem Dogma widersprechen lässt, nur die Ehe zwischen Frau und Mann sei möglich und gesegnet. Auch wenn ich es nicht will, ich als so geformter Mensch mit dem, was ich bin und wer ich bin, bin ein lebendiger Widerspruch gegen dieses Dogma. Und ich bekomme Worte dafür und Beistand und Hilfe, die zu sein, die ich bin.
Es kann mein Alter sein, das mich dem scheinbaren Glück der "ewigen Jugend" widersprechen lässt. Es kann meine Fluchtgeschichte sein, die mich der Ansicht widersprechen lässt, alle Menschen müssten gleich sein, den gleichen Dialekt, die gleiche Art zu denken, den gleichen Glauben haben.

Jeder und jede von uns kann Jeremia sein.
Jürgen Rennert beschreibt das "Jeremia-Sein" in der ehemaligen DDR, und nicht nur da:

"Jeremia sein heißt:
Unbarmherzig und früh gefordert zu werden.
Heißt: Auszuharren.
Heißt: Dazubleiben.
Heißt: Sich nicht einzuschmeicheln, weder beim Volk noch beim König.
Heißt: Ja zu sagen zum Joch eigener und fremder Geschichte.
Heißt: Gottes Vernunft als politisch vernünftig anzuerkennen und zu verteidigen.
Heißt: Wider eigenes Wünschen Recht behalten zu müssen, seinen Staat sich sinnlos auflehnen und in Dummheit versinken zu sehen.
Heißt: Ohnmächtig werden und noch im Alter unfreiwillig auf eine unerwünschte Seite geraten.
Heißt: Unerkannt, anonym sterben".

Mit Orgelmusik EG 37 Ich steh an deiner Krippen hier unterlegt wird Vers 2 gelesen:
"Da ich noch nicht geboren war,/ da bist du mir geboren / und hast dich mir zu eigen gar, /Eh ich dich kannt, erkoren. / Eh ich durch deine Hand gemacht, / da hast du schon bei dir bedacht, / wie du mein wolltest werden".

Gottes Widerspruch sein zu müssen, ist schwer. Jeremias Klagelieder sind bekannt.
Doch Gottes Zuspruch sein zu dürfen, ist eine Freude: "Fürchte dich nicht vor ihnen! Denn ich bin mit dir, um dich zu retten!" Spruch Jahwes.
Es ist ein Glück, die zu sein dürfen, die ich bin. Es ist eine wunderbare Erfahrung, dabei getragen, geborgen, behütet zu sein. Darauf vertrauen zu können: "Er wird es gut machen" (Psalm 37).

Und jede Ansage des Endes von etwas birgt einen Neubeginn. Das Alte muss vergehen, damit das Neue sich den Weg bahnen kann. Neuer Wein in alte Schläuche abgefüllt wird sie zerreißen.
Wir haben das auch in der Geschichte unseres Volkes erlebt. Beides, das schmerzhafte Ende und den Prozess des Neuanfangs, der bis heute andauert. Beide Gedichte wurden in dieser Zeit verfasst. Eine neue, offene, lebendige Demokratie ist noch immer im Werden. Und noch immer gefährdet durch die alten Kräfte. Und noch immer ist es keine Selbstverständlichkeit, dass wir einander unter Gottes Herrschaft Wertschätzung und Respekt entgegenbringen, wer immer und was immer wir auch sind.

Doch Gottes Worte schaffen Welten.
Wir sind beieinander, um es zu hören, zu sagen, zu tun. Es durch uns und unter uns wirken, geschehen zu lassen. Damit seine neue Welt Gestalt gewinnt in unserer alten, vergänglichen Kirche, in unserer Gesellschaft, Kultur und im Zusammenleben der Nationen.

Amen.

Lied 497, 1.2.4.5 Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun

Fürbittgebet

Unser Gott,

lass uns keine Scheu davor haben, den Kürzeren zu ziehen,
durch das, wer wir sind und was wir sind.
Das ist der Weg der Gerechtigkeit.
Nimm uns die Angst, es könnte uns etwas entgehen,
wenn wir nicht so sind wie andere.
Das ist der Weg zur Rettung der Erde.
Lass uns darauf verzichten, immer siegen zu wollen, immer recht zu behalten.
Das ist der Weg zum Frieden.
Nimm uns die ängstliche Sorge um uns selbst.
Das ist der Weg zum Glück.
Du wirst allen Kummer und Schmerz reichlich entlohnen.
Wir vertrauen auf dein Wort.
Das ist der Weg zur Erfüllung.

Gemeinsam beten wir weiter mit den Worten, die unser Herr und Bruder uns gelehrt hat.

Vaterunser

Schlusslied Zum Schluss hören wir noch einmal die Melodie von "Ich steh an deiner Krippen hier" von Paul Gerhardt

Abkündigungen

Segenslied
EG 163
Unsern Ausgang segne Gott, unseren Eingang gleichermaßen, segne unser täglich Brot, segne unser Tun und Lassen, segne uns mit sel´gem Sterben und mach uns zu Himmelserben.

Segen

Der dreieinige Gott segne euch und behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.

Amen Amen Amen

Musik zum Ausgang

 

Die Jahreslosung 2020 weist einen Weg aus dem Rätsel der eigenen Existenz. Es scheint so zu sein, dass die Frage: "Wer bin ich?", die Frage nach der eigenen Identität eine ganz moderne Frage ist. Die Anworten, die unsere Zeit darauf gibt, hängen alle mit dem so groß geschriebenen "Selbst" zusammen.
Ich habe Selbstzweifel und brauche Selbstvertrauen. Ich habe Schuldgefühle und brauche Selbstbejahung. Ich soll lieben und brauche doch erst einmal Selbstliebe. Und es gibt unzählige Ratgeber für diese Problematik, die ich Existenznot nennen möchte und die wohl jeder und jede von uns kennt. "Fühl dich erst mal gut! Glaub an dich selbst! Mach dich schön!" Lauter Imperative, die uns in unserer Existenznot wieder auf uns selbst zurückwerfen.

Jahreslosung 2020Die Karte zur Jahreslosung der Evangelischen Frauen in Deutschland von Fotograf Pavel Kibenko, "Blickwechsel" genannt, zeigt eine Tänzerin, die ihrem Spiegelbild gegenübersteht (Quelle: Evangelische Frauen in Deutschland im Evangelischen Zentrum Frauen und Männer gGmbH). Fast sieht es so aus, als wolle sie in einem großen Schritt in den Spiegel hineintanzen, eintauchen in die Oberfläche, die wie eine Wasseroberfläche scheint, eine bewegte Wasseroberfläche wie ein See, in den man eintauchen kann und so eins werden mit seinem Spiegelbild. Doch die Hand der Tänzerin zeigt schon die Grenze, die Unmöglichkeit, hinter den Spiegel zu gehen.
Das Bild berührt mich und weckt ein Gefühl, das mir vertraut ist: die große Sehnsucht, die Fremdheit zu mir selbst aufzulösen, die Erfahrung meiner eigenen Rätselhaftigkeit, der Unmöglichkeit, selbst eine Antwort zu finden auf meine Frage: "Wer bin ich", indem ich in den Spiegel schaue, mich selbst erforsche, nach Selbsterkenntnis strebe und meine Lebensgeschichte befrage. Wie die Tänzerin komme ich an eine Grenze und was mir entgegenkommt ist nur ein undeutliches Spiegelbild meiner Selbst.
Der Apostel Paulus kennt diese Erfahrung und benennt sie mit den Worten: "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild" (1. Korinther 13,12 nach Luther). Dietrich Bonhoeffer benennt sie in seinem Gedicht "Wer bin ich", das er im Juli 1944 im Gefängnis geschrieben hat. (Bitte nachlesen, kann aus Gründen des Copyrights hier nicht eingestellt werden). Dietrich Bonhoeffer überschreitet in seinem verzweifelten Fragen den Zirkel des eigenen Selbst und wendet sich an die größere Macht, die ihn birgt. Auch Paulus fährt fort: "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin." Der Weg aus der Rätselhaftigkeit der eigenen Identität überschreitet die Grenzen des eigenen Selbst.
Diesen Schritt zu tun ist uns selbst unmöglich. Er liegt nicht im Bereich der eigenen Machbarkeit. Er ist nicht unser Vermögen, nichts, zu dem wir imstande sind, einfach so, aus eigener Kraft, weil wir es eben mal beschlossen haben, dass wir das so machen.
Und doch hängt unsere ganze Existenz davon ab, ob wir Zutrauen gewinnen zu dieser größeren Macht. Der Theologe Karl Barth schreibt (in: Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie): Die "Antwort auf die Frage, das Ende der Existenznot ist das schlechthin neue Geschehen, dass das Unmögliche selbst das Mögliche wird, der Tod das Leben, die Ewigkeit Zeit, Gott Mensch. Ein neues Geschehen, zu dem kein Weg führt, für das der Mensch kein Organ hat."
Man beachte: Wieder kommt das Wort "selbst" vor, aber diesmal ist es das Selbst außerhalb der Grenzen unseres eigenen Selbst. Es ist das Selbst, das uns geschaffen hat, das uns birgt im Leben wie im Sterben, das uns umgibt von allen Seiten und doch in uns ist. Es ist das Selbst, dessen Abbild wir sind und doch ganz anders, das uns kennt, viel umfassender und tiefer als wir selbst uns kennen und verstehen können.

Jahreslosung 2020: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! (Markus 9,24)

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