Besinnliches

Nächster Sonntagsgottesdienst

Sonntag, 30. Mai, Miserikordias Domini
Wochenspruch: Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. (Johannes 10,11.27.28)
Predigttext: Hesekiel 34,12.(3-9)10-16.31
9.30 Uhr Gottesdienst mit Pfarrerin Barbara Koch.
Im Gottesdienst wird Paula Gast aus Königseggwald getauft.
Gleichzeitig ist Kinderkirche mit gemeinsamem Beginn in der Kirche.
Die Kollekte des Gottesdienstes ist für die eigene Gemeinde bestimmt.

"Was ist eigentlich ein Jubiläum? Und wie sollte man es begehen? Heute versteht man darunter eine Erinnerungsfeier, man begeht feierlich die runde Wiederkehr eines wichtigen Ereignisses, es ist ein Jubelfest. So waren auch die Reformationsjubiläen etwa 1817 und 1917. Man bejubelte die Größe Martin Luthers und feierte sich selbst. Das Wort Jubiläum scheint sich so gesehen eher von dem lateinischen Verb jubilare, jubeln, herzuleiten. Doch es kommt von dem hebräischen Wort jovel her, dem Widderhorn, mit dem das Jobeljahr eingeleitet wird. Der Gedanke des Jubiläums hat also einen biblischen Ursprung und Kern. In Leviticus, dem 3. Buch Mose, wird das Jobeljahr beschrieben: Nach sieben Sabbatjahren, (das waren alle sieben Jahre einzuhaltende Brachjahre, der Boden darf weder bearbeitet noch abgeerntet werden. Den Armen soll gehören, was von selbst wächst. Der Erdboden wird so geschont und JHWH als Eigentümer des Landes anerkannt), soll dror, eine Befreiung für alle Bewohner des Landes ausgerufen werden (V. 10). Es ist das Jahr der Aufhebung aller angehäuften Ungerechtigkeiten, das Jahr der Freilassung der Sklaven und der Rückkehr zu den ursprünglichen, den von Gott geschenkten Land- und Lebensverhältnissen. Ein Jubiläum ist demnach nicht nur die Feier eines runden Datums, sondern die wirksame Wiederannäherung an das Geschenk der Freiheit." So beginnt der Alttestamentler Frank Crüsemann seinen Aufsatz zum Reformationsjubiläum. Auch ich nehme im Jobeljahr 2017 unsere Geschichte von Schuld und Versagen, insbesondere gegenüber den jüdischen Menschen, in den Blick: Seit dem letzten großen Jubiläum 1917 erreichte unser politischer, kultureller und gesellschaftlicher Werdegang einen Tiefpunkt - mit dem Holocaust im letzten Jahrhundert. Viele sehen in dieser Entwicklung eine Auswirkung der Schriften Martin Luthers gegen die Juden. Bekanntlich wurde die Judenfeindschaft des Reformators instrumentalisiert. Unsere Geschichte ist aber auch eine Geschichte des neu begonnenen Gesprächs mit dem Judentum. Der begonnene Dialog wurzelt in der Reformation, denn er orientiert sich letztlich alleine an der Bibel: dem sogenannten Alten, dem Ersten Testament und dem sogenannten Neuen, dem Zweiten Testament. Diese Benennung ist schon eine erste Frucht der im Jobeljahr zu leistenden "Aufhebung aller angehäuften Ungerechtigkeiten" und der "Rückkehr zu den ursprünglichen von Gott geschenkten Lebensverhältnissen", "Erstes und Zweites Testament" verdeutlichen, dass das "Neue" Testament nicht das "Alte" überholt hat, in Frage stellt oder korrigiert. Die hebräische Bibel ist die bleibende Verheißung für Israel. Sie ist immer wieder alt und neu zugleich. Zu unserem Neuen Testament ist zu sagen: Alles, was von Jesus Christus her gilt und verkündet wird, steht bereits in seiner Bibel, mit der er gelebt hat, von der her er sich verstanden hat und die ihn in seinem Auftrag versichert hat: unserem Alten Testament.


Ein kleines Beispiel: Im Lutherjahr hören wir oft: das theologische Zentrum der Reformation finde man zusammengefasst in diesem einen Vers aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom: "Der Gerechte wird aus Glauben leben." (Römer 1,16). Doch Paulus zitiert hier aus seiner Bibel! Er zitiert den Propheten Habakus (2,4), er zitiert das Alte Testament!
Um von Jesus als dem Messias erzählen zu können, greifen die neutestamentlichen Erzählerinnen und Erzähler die alttestamentlichen Texte auf, es ist ihr Wahrheitsraum, ihre Bilderwelt, ihre Sprachmöglichkeit, ihr Selbstverständnis und ihr Gottesverständnis. Und es muss auch unseres sein, wenn wir verstehen wollen, wer Jesus Christus für uns ist. Der jüdische Theologe Pinchas Lapide, der sich gründlich mit dem Christentum auseinandergesetzt hat, sagt: "Alles, was Jesus auf Erden vollbrachte, sagte und unterließ, erschließt nur dann seinen vollen Sinn, wenn man es aus seinem tiefen Judesein zu erfassen vermag." Zugespitzt können wir mit Karl Barth sagen: "Gott wurde Mensch im jüdischen Fleisch.l"
So weist uns unser Glaube selber an Israel, an seine Geschichte mit Gott, an seine Bibel, die von dieser Geschichte erzählt. Und so ist mir bei der Frage, wie Martin Luther zu seiner Judenfeindschaft kommt, wo er doch mit seinem eigenen Ansatz "sola scriptura" - allein durch die Schrift - zu anderen Ergebnissen hätte kommen können, ein Titel ins Auge gefallen: Der Titel der 1523 veröffentlichten Schrift "dass Jesus Christ ein geborener Jude sei." Unter allen sogenannten Judenschriften Martin Luthers scheint sie einen Lichtblick für das Verhältnis von Kirche und Israel zu versprechen.
Adressaten aller Schriften Martin Luthers zum Thema sind nicht Juden, sondern Christen. Wir werden theologisch belehrt und ermahnt. Immer verfolgt Luther auch Absichten bezüglich der Politik gegenüber den Juden in Städten und Territorien. Diese erste Schrift Martin Luthers, die sich ausdrücklich mit dem Judentum befasst, unterscheidet sich in Ton und Sache wohltuend von den aggressiven Schriften gegen "die Juden", die "Papisten", "die Bauern", in denen er nach Maßnahmen gegen diese Gruppen ruft mit grausam genauen Anweisungen und in denen er der Obrigkeit nahelegt, selbst Pogrom und Massaker als Ordnungsmittel einzusetzen. Er wähnt diese Gruppen auf der Seite des Teufels, der Chaosmacht, die das Leben bedroht.
Im ersten Teil der Schrift "Dass Jesus Christ ein geborener Jude sei" verteidigt sich Martin Luther gegen Vorwürfe der Abweichung von der sogenannten Zwei Naturen Lehre, der Lehre, dass Jesus Christus sowohl Gottes Sohn als auch Menschensohn sei. Er hält die Gotteskindschaft Jesu fest, in den biblischen Schriften ausgedrückt durch die Überschattung der Jungfrau Maria durch den Heiligen Geist, und zugleich hält er die Elternschaft Josefs und Marias fest, die Jesus zum Menschen und zugleich zum Nachkommen Abrahams machen, zu einem Juden. Luther hofft, mit diesem Ansatz, wie er schreibt "vielleicht auch der Juden etliche ... zum Christen glauben reitzen" zu können. Er zieht also nicht den Schluss, dass Christus uns zu Israel führt, sondern den, dass Christus Israel zu uns führen möchte. Eine Alternative, die bis heute besteht und diskutiert wird in der Frage, ob Christen bei Israel in die Schule gehen sollen oder bei Israel missionieren gehen sollen.
Manche sehen in der Enttäuschung dieser Hoffnung auf Bekehrung der Juden durch den Denkansatz Martin Luthers die Wurzel für die spätere Befürwortung von Gewalt und Vertreibung.
Martin Luther möchte die Juden überzeugen, dass der Messias mit Jesus Christus gekommen ist und nicht länger auf die Erfüllung der messianischen Verheißungen gewartet werden muss. Doch die Antwort auf die Frage, wo denn das verheißene Friedenreich zu finden ist in unserer Welt, in der Lämmlein und Löwe beieinander liegen und alle Völker in einem festlichen Mahl vereint sind, ist bis heute offen im christlich-jüdischen Gespräch.
Es ist den Juden nicht gegeben, in dem gefolterten, geschändeten Angesicht Christi den Messias zu sehen. Doch sind sie damit auch Gottesleugner, wie Luther später schreibt? Wo wären wir ohne das Gotteszeugnis Israels? Wir wären doch bie dem Gott der Philosophen, von dem nur gesagt werden kann: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." (Ludwig Wittgenstein). Alles Denkbare wäre unsere Erfahrung, unsere Welt, unser Leben und was darüber hinausgeht wäre undenkbar und unsagbar. Dass wir von Gott reden können, von ihm Wissen und Kunde haben, mehr noch, dass wir auf ihn vertrauen können und seines Beistands sicher sein, das verdanken wir Israel, auch und gerade wenn es festhält daran, dass Gottes Versprechen noch nicht erfüllt sind. Denn so bleibt das Diesseitige im Blick mit seinem himmelschreienden Unrecht. So entgehen wir der Vertröstung auf ein Jenseits und vermeiden den Verrat an der unerlösten Welt.
Dies alles würde ich Martin Luther gerne sagen.
Doch für´s Erste nehme ich seinen Neuanfang für das christliche Verhältnis zu den Juden als Ausgangspunkt für weiter zu denkende reformatorische Theologie. Und freue mich darüber, dass er im zweiten Teil der Schrift die zu seiner Zeit populären Beschuldigungen der Juden (Ritualmord, Hostienfrevel) als Narrenwerk zurückweist und zugleich fordert, dass man den Juden, die man wie "Hunde und nicht Menschen" behandelt habe, mit Nächstenliebe und Barmherzigkeit begegnen soll. "Wyr heyden", schreibt er, sollten mit den Juden so umgehen, wie die "Apostel, die auch Juden waren", mit uns, den Heiden umgegangen sind. Politisch schlägt er eine Duldung der Juden vor und die Aufhebung des Arbeitsverbots und des Verbots für Juden Zünfte zu gründen.
Diese Schrift Martin Luthers hat bei seinen Gegnern sehr kritische (man warf ihm "Judaismus" vor), andererseits bei Anhängern und auch bei machen Juden positive Aufnahme gefunden und bis in die Diskussion über die praktische Politik gegenüber den Juden in Städten und Fürstentümern hineingewirkt. Auch wenn sie die Erwartung nicht erfüllt hat, die traumatische Spaltung von Judentum und Christentum, wenn nicht zu überwinden, so doch in heilsamer Weise zu verändern, ist Luthers Schrift von 1523 ein Leuchtpunkt des Evangeliums. Die doppelte Christologie, das Festhalten an der Gottes- und Menschenkindschaft Jesu Christi verbindet uns bleibend mit Israel und nimmt uns hinein in die Geschichte Gottes mit seiner Welt und seinem Volk, die noch kein Ende gefunden hat. Sie ist offen. Doch ihr Ausgang ist gewiss: Denn Gott hat sich für alle Zeiten mit seiner Welt verbunden. Das weiß ich: aus der hebräischen Bibel. Barbara Koch

Jahreslosung 2017: Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. (Hesekiel 36,26)