Besinnliches

Nächster Sonntagsgottesdienst

Sonntag, 23. Juni, 1. Sonntag nach Trinitatis
Wochenspruch: Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. (Lukas 10,16)
Predigttext: Johannes 5,39-47
9.30 Uhr Gottesdienst mit Prädikantin Gudrun Egerer.
Die Kollekte des Gottesdienstes ist für die eigene Gemeinde bestimmt.

Suche Frieden und jage ihm nach! Das ist der Aufruf der Jahreslosung für das neue Jahr 2019 aus Psalm 34. Fest steht: Wir haben den Frieden nicht und er kommt nicht von alleine. Der Psalmbeter oder die -beterin ermahnt uns: Wir sollen nach Frieden trachten, ihn zu erreichen suchen, nach einem Zugang streben, ihn erforschen wollen - so das erste Verb. Und das zweite: hinter ihm her sein, ihm eilig, eifrig folgen. Offenbar ist der Frieden flüchtig, von dem die Rede ist. Kein stabiler Zustand auf den man bauen kann: Wollen wir ihn festhalten, entgleitet er unseren Händen. Er ist fern, nicht nah, nicht da. Doch wissen wir genau was wir meinen, wenn wir „Frieden” sagen. Alle Menschen sehnen sich nach ihm.
Es gibt so viele, die so mutig waren und sind, diesen unmöglichen Traum zu träumen, und die Hände auszustrecken nach diesem unerreichbaren Stern, der als Verheißung leuchtet über alle Welt: Frieden auf Erden. Jedes Weltreich in der Geschichte sah die Notwendigkeit, zu behaupten, es brächte den Frieden, so mächtig ist dieser ferne Traum. Das römische Imperium versprach den eroberten Völkern den Frieden, obwohl der „Römische Friede” auf militärischer Unterdrückung gründete; das selbsternannte sogenannte Dritte Reich versicherte den Weltfrieden zu erlangen durch den „totalen Krieg” gegen die ausgemachten Feinde des Friedens. Was soll das für ein Frieden sein, der sich auf Gewalt stützt? Er ist nicht der leuchtende Stern, zu dem sich die Worte Gerechtigkeit und Heil stellen. Es gibt zum Frieden keinen Umweg über den Nicht-Frieden. Das mit militärischer Gewalt zurechtgestutzte Deutschland ist heute noch damit beschäftigt, sich auseinanderzusetzen mit den Kräften, die den Unfrieden in sich tragen. Mehr denn je müssen wir heute hinter dem Frieden her sein in unserem Land.
Doch wie wird „Frieden auf Erden”? Können wir ihn überhaupt finden und erreichen? Ist Frieden möglich?


Seit 70 Jahren leben wir überwiegend in einem friedlichen Europa. Das ist wahrscheinlich die längste Friedenszeit, die dieser Kontinent je gesehen hat. Der Frieden ist erreicht worden durch den Ausgleich der Interessen. Keiner der Staaten der EU hat sich an die erste Stelle gestellt. Rechtsverzicht war manchmal erforderlich, um Kompromisse zu finden. Aber jetzt gibt es Gegenbewegungen in Europa. „We first” ist das Motto. Der Brexit, ein Beispiel für die Suche nach dem Heil, indem die eigenen Interessen in den Vordergrund gerückt werden. Der Frieden in Europa ist brüchig. Schneller als wir denken kann die Union zerfallen und Zugeständnisse untereinander oder eine Schlichtung sind nicht mehr möglich. Der Konflikt in der Ukraine zeigt, dass es von der „Sprachlosigkeit” bei Interessenskonflikten bis zum Einsatz militärischer Mittel nicht mehr weit ist. Verlieren wir dieses unerreichbare Ziel „Frieden auf Erden” aus den Augen und hören wir auf zu suchen, ist er verschwunden. Das scheint ein Geheimnis der Jahreslosung zu sein: Der Frieden stellt sich nur ein für die, die nach ihm suchen. Deshalb das Lied der Engel: „Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens”. Das gehört zusammen: Frieden gibt es nur für die, die sich um Frieden bemühen. Alle anderen fallen zurück auf die begrenzten eigenen Möglichkeiten, auf die Selbstbespiegelung und das Kreisen um das eigene Ego, auf die Gefangenschaft, Unfreiheit und Unfähigkeit Frieden zu denken und zu schaffen, auf das verhängnisvolle „we first”.
Unser Frieden ist zerbrechlich und weltweit gesehen die Ausnahme. Bewaffnete Konflikte gibt es zuhauf. Wir alle haben täglich Bilder vor Augen, die erlittene Gewalt zeigen. Weltweit sind Menschen auf der Flucht, weil sie nicht dort leben können wo sie geboren wurden. Auch Armut ist Gewalt. Menschen das gute Leben zu verweigern, das in Gottes guter Welt allen bereitet ist, bedeutet Gewalt. Das Gegenteil von Frieden heißt nicht nur Krieg, sondern zeigt sich genauso im Widerspruch zu den Bedeutungen des hebräischen Wortes „schalom”. Schalom beinhaltet Unversehrtheit, Heilsein, Wohlbefinden, gut gehen, Heil, Glück, ein ungestörtes Verhältnis zwischen verschiedenen Personen, Freundschaft und Freundlichkeit. Schalom, das wir mit „Frieden” übersetzen, meint das gute Leben in Gottes guter Welt.
Ich sage absichtlich nicht nur „gutes Leben”, sondern füge „in Gottes guter Welt” hinzu, weil so ein Aspekt dazukommt, ohne den schalom gar nicht möglich ist. Schalom gibt es nicht für mich allein. Das gute Leben können wir nur zusammen haben, dazu gehören alle Geschöpfe Gottes, auch die Tiere, Pflanzen, Flüsse, Meere, alle in dieser geschaffenen Welt. Verstehe ich, dass Gott hinter den Universen und mittendrin steht, begreife ich auch, dass wir nur ein Teilchen dieser Universen sind und unser Wohlergehen von dem Wohlergehen aller abhängt. Schalom ist ein universaler Begriff, keiner, der das gute Leben, also den Wohlstand eines Einzelnen beschreiben will. Viel wichtiger ist etwas Anderes, das hinzukommt, wenn ich „gutes Leben in Gottes guter Welt” übersetze. Weiß ich, und sei es nur für einen Augenblick, dass Gott hinter den Universen und mittendrin steht, und dass dieser ewige Gott mich im Auge hat, gerade mich kleinen Menschen inmitten der Unendlichkeit, und dass er für mich sorgt und da ist, dann kann ich ganz entspannt sein. Ich muss nicht hinter dem Geld her sein wie der Teufel hinter den armen Seelen. Die Sorge um mich selbst, um meine Karriere muss mich nicht verzehren. Was mich antreibt, was mir Ansporn ist im Beruf, unter Freunden, in der Familie, in der Gemeinde, ist nicht die Frage: Wie stehe ich da, wie sehe ich aus, was wird morgen mit mir sein?
Das Gedicht „Desiderata” des amerikanischen Rechtsanwalts Max Ehrmann aus dem Jahr 1927 beschreibt diese Haltung, die Psalm 34 als Friedenssuche bezeichnet (bitte selbst im Netz nachlesen). Hier finden wir wieder dieses Wort: Suche, jage, strebe! „Strebe behutsam danach, glücklich zu sein”. Sich ausstrecken nach dem unmöglichen Stern, dem Weihnachtsstern von Bethlehem. Frieden ist nicht unmöglich für den, der nach ihm sucht, hinter ihm her ist, nach ihm strebt. Das zeigt die Geschichte Europas in den letzten 70 Jahren. Und das zeigt die Geschichte vieler Menschen, die ihren Seelenfrieden immer wieder finden, ihren Frieden mit Gott und ihren Mitgeschöpfen. Glück ist nicht unmöglich. Wie auch immer unsere Lebensumstände sind, was immer wir für eine Arbeit machen oder in welche Familie wir hineingeboren wurden: Es ist möglich glücklich zu sein, wenn wir genug zu essen haben, ein Dach über dem Kopf, eine warme Stube und eine Arbeit, die wir tun können, dazu Gesundheit und ein Du. Ein Gegenüber, das eine Hilfe für uns ist, wie es in der Schöpfungsgeschichte heißt.
Doch was ist mit der Gewalt, die solchermaßen friedliebende, behutsam nach Glück strebende Menschen erleiden? Was ist, wenn Menschen Unfrieden nicht aus sich selber, sondern von außen begegnen müssen? Genau diese Frage beschäftigt den Psalm, aus dem die Jahreslosung entnommen ist: „Die Augen der Ewigen ruhen auf den Gerechten, ihre Ohren hören auf ihren Hilfeschrei.” Und diese Frage beschäftigt auch Jesus in der Bergpredigt. Wie kann ein friedliebender Mensch leben, wenn ihm Unfrieden begegnet, ihn erfasst, hineinzieht in diese Sphäre des Ärgers, des Neids, der Feindschaft, des Schlecht-Ergehens, der Bedrückung - der versteckten Gewalt, die so verbreitet ist und die überall nach uns greift? Oft beginnen die Anfeindungen bei einem scheinbar harmlosen, friedlichen Beisammensein, einem Geburtstagsfest etwa, mit den Worten: „Ich will ja nichts sagen, aber ...” und dann wird, entgegen der Beteuerung nichts sagen zu wollen, munter über einen Abwesenden hergezogen. Worte schaffen Welten. Zweifelhafte niederträchtige Worte schaffen zerstörerische Welten. Man spürt zuerst ein beklemmendes Unbehagen, hört die ablehnenden Zwischentöne und schon ist er futsch, der Frieden. Wie mühevoll ist es, dabei den Rat des Gedichts „Desiderata” zu befolgen: „Äußere deine Wahrheit ruhig und klar” oder den der Bergpredigt: „Bei eurem Reden soll ein Ja ein Ja sein und ein Nein ein Nein; was darüber hinaus geht, ist vom Übel.” Wie schwer fällt es, immer wieder standzuhalten, zu widerstehen und sich friedlich zu verhalten. Wieviel Anstrengung kostet es, dabei zu bleiben: Auch dieser Mensch, der im Unfrieden lebt und Unfrieden verbreitet ist ein Kind Gottes, er hat ein Recht, hier zu sein - und ihm ruhig und sachlich zu begegnen. Schon in unserem unmittelbaren Wirkungskreis ist er so schwer zu bewahren, der Frieden, wenn Unfrieden wortreich verbreitet wird. Er ist flüchtig, jage ihm nach! ruft Psalm 34. Die Bergpredigt ist voll von Beispielen, wie man auch in der Erfahrung von Unfrieden Wege finden kann, die zurückführen in den Schalom. Alle kennen dieses Wort: Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, halte ihm die linke hin. Ein Schlag auf die rechte Backe ist ein Schlag, der mit dem Handrücken ausgeführt wurde. Ein demütigender und verhöhnender Angriff zugleich. Bei der Aufforderung, nun die linke Backe hinzuhalten geht es nicht darum, sich der Gewalt zu beugen. Es geht um die Bereitschaft, sich zu überwinden und überraschend zu reagieren: Sich nicht provozieren lassen, nicht zurückschlagen oder sich wegducken, sondern in sich ruhen, souverän hinstehen und so das beleidigende Handeln bloßstellen. Es geht darum, gar nicht zu akzeptieren, dass es zwischen uns ein oben und ein unten gibt. Oder, wieder aus der Bergpredigt der Rat: „Dem, der mit dir sogar um dein Hemd prozessieren will: Lass ihm auch den Mantel!” In einem Schuldprozess zieht ein Gläubiger einem Verschuldeten buchstäblich „das letzte Hemd” aus. Er muss ihm, so die Tora, nur noch den Mantel lassen, damit er sich nachts zudecken kann. Wenn der Schuldner auch den Mantel hergibt, nutzt er seine letzte Gelegenheit eigenständig zu handeln und seine Selbstachtung zu wahren. Ein Stück absurdes Theater, in dem die nackte Gewalt im wahrsten Sinn des Wortes bloßgestellt wird. Oder, wieder die Bergpredigt: „Liebt eure Feinde und betet für diejenigen, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet.” Hier geht es um die kategorische Weigerung, überhaupt jemandes Feind zu sein. Und sollte die einzig verbliebene Möglichkeit positiven Handelns das fürbittende Gebet für die Feinde sein, das zumindest meine Seele zurückführt in den Schalom. Jesus lehrt in der Bergpredigt erfinderisch und kreativ zu sein, Gewalt zu entlarven und damit anzuprangern, den Schalom zu verteidigen, aufzurichten, zu behaupten und so zu versuchen, das Gegenüber hineinzunehmen in diese Realität, die doch letztlich die Realität Gottes ist. Damit wir auch bekommen, was uns allen verheißen ist, wie der 34. Psalm sagt: Lust am Leben, unsere Tage lieben und Gutes sehen. Schalom in unserer Welt.
Barbara Koch

Jahreslosung 2019: Suche Frieden und jage ihm nach! (Psalm 34, 15)

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