Besinnliches

Sonntag, 24. Januar 2021
Pfarrer G. A. Maile, Bad Schussenried 

Orgelvorspiel

Votum

Einfaches Amen

Begrüßung

Wochenspruch: Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. (Jes. 60, 2b)

Orgel: Macht hoch die Tür EG 1 

Psalm 36  
Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes
und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

Ehr sei dem Vater

Gebet - Stilles Gebet

Glaubensbekenntnis

Lied: Ich glaube fest EG 661 1-4

Schriftlesung: Matthäus 25, 31-40  
Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. 34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Lied: Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit EG 502

Predigt: Auf der Straße der Barmherzigkeit – Mutter Teresa

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, Amen.
Liebe Gemeinde,
heute Morgen nehme ich Sie mit auf eine Reise nach Indien.
Kalkutta, 6 Uhr morgens.
„Ich sitze auf dem Boden am Rand in der Kapelle der Missionarinnen der Nächstenliebe, der missionaries of charity, im Ordenshaus von Mutter Teresa.
Links von mir zahlreiche Schwestern im schlichten Ordensgewand, dem weißen Sari mit den blauen Streifen. Rundum mich sehe ich bunt angezogene, junge und ältere Gesichter, Freiwillige aus aller Welt.
Mein Blick richtet sich nach vorne, auf eine Reihe von Fenstern, alle weit geöffnet, alle direkt in Richtung Straße – einer der dichtesten, am stärksten befahrenen Straßen Kalkuttas – ausgerichtet.
mein Blick geht in die Mitte der Kapelle hin zum Altar und bleibt am dahinterstehenden Kreuz hängen. „I thirst“, „Mich dürstet“ steht in schwarzen Buchstaben neben dem Kreuz. Das sind die Worte von Jesu am Kreuz im Johannesevangelium (Joh 19,28) kurz bevor er stirbt. Jesus richtet sich am Kreuz in der dunkelsten Stunde seines Lebens mit seinem „I thirst“ an die, die bei ihm am Kreuz sind. Dieser Durst Jesu begegnet uns aber nach Mutter Teresa nach wie vor tagtäglich in der Welt von heute. Er begegnet uns im Kontakt mit jedem armen oder leidenden Menschen (Mt 25,35f). Er begegnet uns auch in uns selbst, in unserer (geistigen) Armut, in unseren Verletzungen, unserer Ohnmacht und erfahrenen Ungerechtigkeit.  Die Atmosphäre im Raum strahlt dennoch irgendwie Ruhe aus, inmitten der Lautheit der Straße, der Geräusche und Gerüche des indischen Lebens. Das Gebet und der Gesang der Schwestern vermischten sich mit dem Hupen der Taxis und der Roller, mit dem klappernden Geschirr der Chai-Straßenköche.
Manchmal verschluckt der Lärm der Straße die Worte, die gerade aus der Lesung vorgelesen werden. Niemanden – außer mir vielleicht – scheint es zu stören oder abzulenken. Ich bin hin und hergerissen zwischen dem Versuch, in das Gebet der Schwestern miteinzustimmen und der Neugier über das, was sich außerhalb der Fenster wohl alles abspielt.
Direkt an der Straße, geöffnete Fenster -  Leben und Gottesdienst, Sammlung und Sendung, Kirche und Welt sind hier nicht getrennt voneinander. Das zeigt sich schon im Ort und in der Ausrichtung der Kapelle – direkt an der Straße, geöffnete Fenster und gleichzeitig ein Ort des An- und Zusammenkommens“.
Liebe Gemeinde, so beschreibt meine Kollegin aus Österreich, die Krankenhausseelsorgerin Marina Moosbrugger den Beginn des ersten Tages in ihrem Auslandssemester in INDIEN.
Spannend und tief berührend ist es, was sie und viele andere Freiwillige aus aller Welt an Erfahrungen in Kalkutta mitnehmen werden und mitgenommen haben.
Orts- und Zeitwechsel:
Rom, Petersplatz Sonntag, den 4.September 2016
Mutter Teresa war für alle da", sie "war in ihrem ganzen Leben eine großherzige Spenderin der göttlichen Barmherzigkeit": Das sagte Papst Franziskus bei der Eucharistiefeier zur Heiligsprechung von Mutter Teresa von Kalkutta am Sonntag auf dem Petersplatz. Und weiter sprach Papst Franziskus:  
"Mutter Teresa war in ihrem ganzen Leben eine großherzige Spenderin der göttlichen Barmherzigkeit, indem sie durch die Aufnahme und den Schutz des menschlichen Lebens - des ungeborenen wie des verlassenen und ausgesonderten - für alle da war.
Sie setzte sich für den Schutz des Lebens ein und betonte immer wieder, dass "der ungeborene Mensch der schwächste, der kleinste und der ärmlichste ist". Sie beugte sich über die Erschöpften, die man am Straßenrand sterben ließ, weil sie die Würde erkannte, die Gott ihnen verliehen hatte.
Sie erhob ihre Stimme vor den Mächtigen der Welt, damit sie angesichts der Verbrechen der Armut, die sie selbst geschaffen hatten, ihre Schuld erkennen sollten. Die Barmherzigkeit war für sie das "Salz", das jedem ihrer Werke Geschmack verlieh, und das "Licht", das die Dunkelheit derer erhellte, die nicht einmal mehr Tränen hatten, um über ihre Armut und ihr Leiden zu weinen.
Ihre Mission in den Randzonen der Städte und den Randzonen des Lebens bleibt in unserer Zeit ein beredtes Zeugnis für die Nähe Gottes zu den Ärmsten der Armen. Heute übergebe ich diese beispielhafte Gestalt einer Frau und einer gottgeweihten Person der ganzen Welt des Volontariats: Möge sie euer Vorbild an Heiligkeit sein! 
Liebe Gemeinde, Was wissen wir von und über Mutter Teresa?
Am 26. August 1910 wurde sie als Anjezë Gonxhe Bojaxhiu [ˈanjez gonˈʤe bɔˈjaʤiu]in Skopje im heutigen Mazedonien geboren. Des öfteren sagte sie, sie habe nie den "großen Weg" vor Augen gehabt, sondern immer nur den einzelnen leidenden Menschen.
Du musst bei deinem Vorhaben kein perfektes Konzept haben, sondern Du musst einfach anfangen.“  Und genau das tat sie. Mit 18 verwirklichte sie ihren Kindheitstraum und trat dem irischen Orden der "Schwestern der Loreto" bei.  1929 kam sie in Indien an und arbeitete in den nächsten Jahren als Lehrerin in Colombo, Madras und Kalkutta. Das Elend auf den Straßen ging ihr aber sehr, sehr nah. Schon früh verspürte sie in ihrem Innern, nicht nur zu lehren, sondern zu helfen. 1937 fand sie ihre Berufung. Gott, so erzählte sie, habe ihr ein Zeichen gegeben, sie solle sich um die Armen kümmern. Trotz der Weisung von ganz oben dauerte es noch ein weiteres Jahrzehnt, bis der damalige Papst sie für ihre Arbeit mit den Bedürftigen freistellte. Teresa wartete geduldig – denn schon in jungen Jahren war ihr Glauben an die Kirche und an das Wort des Papstes unerschütterlich.
Teresa machte ein dreimonatiges Praktikum in einem Hospital und begann dann, sich um die Armen, Kranken und Sterbenden auf den Straßen Kalkuttas zu kümmern. Sie lebte unter ihnen und immer mehr Nonnen schlossen sich ihr an. In den Armenvierteln der Stadt richtete sie eine Schule ein.  Anerkannt von Papst Pius XII. und der indischen Regierung bezog Mutter Teresas 1950 gegründeter Orden "Missionarinnen der Nächstenliebe" ein dreistöckiges Haus in Kalkutta und machte es zur Zentrale.
Teresa eröffnete Waisenhäuser, eine Lepra-Kolonie, eine Tuberkuloseklinik und ein Heim für ledige Mütter. Ab 1965 sogar ins Ausland. Mutter Teresa kümmerte sich um die Armen auf der Straße.  Durch zahlreiche Presseberichte über ihr außergewöhnliches Engagement wurde Teresa weltweit bekannt. „Sie war sehr geschickt darin, bei ihren Gastgebern die Spendenlust zu wecken: „Es macht Freude zu geben, aber es macht auch Freude zu nehmen.", sagte sie nicht nur einmal.  Für ihre Arbeit wurde Mutter Teresa mit viel Lob, Anerkennung und Preisen überschüttet. Auf den Friedenspreis des Papstes 1971 folgte der Friedensnobelpreis 1979. Den nahm die Nonne stellvertretend für alle "Nackten, Hungrigen, Verkrüppelten, Blinden und Armen sowie für alle Menschen, die ausgestoßen sind" entgegen.
Liebe Gemeinde,
Freilich, jedes Leben beinhaltet Licht- und Schattenseiten. Jeder Mensch hat Freunde und Feinde, Mutter Teresa war auch vielen Vorwürfen ausgesetzt.   Der Journalist Martin Käppchen schreibt dazu:
Im Sterbehaus von Kalighat (dem Haus, in dem Mutter Teresa ihren Dienst begonnen hatte) sprach ich einmal mit Andy, einem deutschen Volontär, der sich von seinem Computerjob immer wieder beurlauben ließ, um den Sterbenden in Kalkutta beizustehen. Er ist ein strahlender Mensch und offensichtlich erfüllt von seinem Dienst. Angesprochen auf die schlechte medizinische Behandlung, sprach er immer wieder von den "kleinen Wundern", der Gott unter den Patienten in ihrer Obhut wirke:
Todkranke genesen, andere sterben in Frieden, Patienten söhnen sich mit ihren Familien aus, sie vergessen ihren Hass und finden zurück zu Gott. Sie beginnen selbst, andere, denen es noch schlechter geht, zu trösten - und das alles unter der Inspiration der franziskanisch tätigen Liebe. Daraus hat sich im Orden eine Leidensmystik entwickelt, in deren Mittelpunkt der gekreuzigte Christus steht. Wie Christus soll der Patient seine Leiden eher ertragen, anstatt zu versuchen, sie zu mildern“ ………...
Orts- und Zeitwechsel: Rom 4. Sept. 2016  
Papst Franziskus beendete die Heiligsprechung mit den Worten:    „Diese unermüdliche Arbeiterin der Barmherzigkeit helfe uns, immer besser zu begreifen, dass das einzige Kriterium für unser Handeln die gegenleistungsfreie Liebe ist, die unabhängig von jeder Ideologie und jeder Bindung ist und sich über alle ergießt, ohne Unterscheidung der Sprache, der Kultur, der Ethnie oder der Religion. Mutter Teresa sagte gern: "Vielleicht spreche ich nicht ihre Sprache, aber ich kann lächeln."
Tragen wir ihr Lächeln in unserem Herzen und schenken wir es allen, denen wir auf unserem Weg begegnen, besonders den Leidenden. Auf diese Weise werden wir einer entmutigten Menschheit, die Verständnis und Zärtlichkeit braucht, Horizonte der Freude und der Hoffnung eröffnen“.    
Amen

Lied: Geh unter der Gnade  EG 543, 1-3                                                                                  

Fürbittgebet

Vaterunser

Bekanntgaben

Orgel: EG 171 (2x) Bewahre uns Gott, behüte uns Gott…

Segen

Orgelnachspiel

 

 

Sonntag, 21. Februar 2021
Pfarrerin Barbara Koch

Glocken

Musik zum Eingang

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des dreieinigen Gottes:
im Namen des Schöpfers des Himmels und der Erde,
im Namen des Heilands der Welt,
im Namen des Geistes, der lebendig macht.

Amen

Herzlich willkommen zum Gottesdienst heute Morgen!

Der Wochenspruch aus dem Lukasevangelium eröffnet für unser Zusammensein eine universale Perspektive: Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Weltweite Verbundenheit und das Dazukommen zum Gott Israels machen unseren Gottesdienst aus.

Lied: Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Haus mich ein
EG 166, 1.2.4.5

Psalm 84 EG 734

Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn;

mein Leib und Seele freuen sich
in dem lebendigen Gott.

Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen -

deine Altäre, Herr Zebaoth,
mein König und mein Gott.

Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar.

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!

Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.

Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.

Herr, Gott Zebaoth, höre mein Gebet;
vernimm es, Gott Jakobs!

Gott, unser Schild, schaue doch;
sieh doch an das Antlitz deines Gesalbten!

Denn ein Tag in deinen Vorhöfen
ist besser als sonst tausend.

Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause
als wohnen in der Gottlosen Hütten.

Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild;
der Herr gibt Gnade und Ehre.

Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.
Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,
wie es war im Anfang, jetzt und immerdar
und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen, Amen.

Geist,
befreiender, tiefer Atem,
du erhältst unser Leben
durch beflügelte Schritte,
durch erwachende Sinne,
alle Tage neu -
auf dich hoffen wir.

Jesus,
du gottbegabter Mensch,
du teilst unser Leben
in Freude und Lachen,
in Fragen und Angst
bis zum letzten –
durch dich vertrauen wir.

Gott,
nährende, erhaltende Macht,
du trägst unser Leben
jeden Tag neu,
jetzt und immerfort -
an dich glauben wir.

Sei jetzt bei uns,
wenn wir in der Stille zu dir beten.

Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich,
und gibst meiner Seele große Kraft.
Amen

Meine Hoffnung und meine Freude,
meine Stärke, mein Licht,
Christus, meine Zuversicht,
auf Dich vertrau ich und fürcht mich nicht
auf Dich vertrau ich und fürcht mich nicht.

Schriftlesung:

Der Abschnitt aus dem Exodusbuch erzählt vom Glanz, der von Mose Gottesbegegnung ausging, zu sehen auf seinem Angesicht und widergespiegelt in den Geboten, die er mitbringt. Ich lese 2. Mose 34, die Verse 29-35.

Lied: Gott liebt diese Welt EG 409,1-3

 

Liebe Schwestern und Brüder,

dass Gott barmherzig ist, das ist bekannt.
Wir rechnen alle damit und wir leben davon.

Dass wir unbarmherzig sind, ist schon weniger bekannt.
Es muss so sein, sonst wäre dieser Appell nicht nötig.
Wissen wir genau, worin unsere Unbarmherzigkeit besteht?

Es ist nicht einfach, es zuzugeben.
Wir haben lieber ein anderes Bild von uns.
Wir hangeln uns gerne entlang an unseren Guttaten.

Es widerstrebt mir, zu einer Bußpredigt anzusetzen. Nur ein paar Fragen:

Wer fragt danach, woher die Kleidung kommt, die er kauft und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wird?
Wer fragt nach, wie die Tiere leben, die wir essen?
Wer informiert sich über den Weg, den unser Müll geht?
Um unsere Unbarmherzigkeit gegenüber unseren Mitmenschen und Mitgeschöpfen aufzudecken, braucht es Köpfchen. Es braucht ein großes Herz. Und es braucht ein Bauchgefühl.
Wir stehen alle nicht da mit einer weißen Weste. Auch wenn wir uns hie und da bemühen. Gedankenlosigkeit, Hartherzigkeit und kurzsichtiger Egoismus leiten unser Handeln in den meisten Fällen.
Das muss ein nüchterner Realismus feststellen.
Und wir sind dabei, durch unser unbarmherziges Handeln uns selbst zu zerstören.
Die Erde wird uns überleben. Sie hat schon viele Kulturen, Zivilisationen, Aufstieg und Niedergang menschlicher Gesellschaften überlebt. Solange er um die Sonne kreist, besteht der blaue Planet. Aber wir vielleicht nicht auf ihm.

Hilft da so ein Appell: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist?

Appelle helfen nicht, würde ich sagen.

Wir sind durch unsere Lebensweise schon so vielen Imperativen ausgeliefert, da kommt es auf einen auch nicht mehr an. Wir müssen schön sein, produktiv sein, leistungsstark, kreativ, flexibel, immer guter Laune, clever, erfolgreich, zuverlässig und so weiter und so weiter. Jetzt sollen wir auch noch barmherzig sein. Ok. Das nehmen wir zur Kenntnis. Wir kommen in die Kirche und hoffen auf Gutes. Und bekommen noch mehr Druck. Es geht grad so weiter, werden Sie denken. Und denke ich, wenn ich über die Jahreslosung predigen soll.

Wir sind ja in unserer Lebensweise nicht souverän. Wir sind nicht Herren unserer selbst. Jeder und jede versucht, so gut durchzukommen, wie es geht. Woher soll die Kraft kommen, in diesem Überlebenskampf barmherzig zu sein?
Und was haben wir dabei zu verlieren?
Geht es um Nachgiebigkeit?
Dann gewinnt der, der den größten Druck macht.
Geht es um Verzicht?
Wird mal wieder das alte Lied von der Selbstbescheidung gepredigt? Und der gewinnt, der nicht dran glaubt?

Ich setze neu an.
Zunächst:
Die Übersetzung der Jahreslosung ist falsch.
Ein Blick in das griechische Lukasevangelium ergibt:
Da steht: „Werdet barmherzig“ und nicht „seid“! Und es steht da: „wie auch euer Vater Barmherzigkeit ist“ und nicht „barmherzig ist“.

Und, ich bin froh. Da haben wir sie wieder, diese vertraute Spannung, die die ganze Bibel durchzieht und ihre Eigenheit ausmacht, weshalb ich sie liebe:
Die Spannung zwischen nüchternem Realismus und schonungsloser, tiefer Menschenkenntnis auf der einen Seite und dem Ernstnehmen Gottes auf der anderen Seite.
Diese Spannung macht alles in der Bibel aus, was mir wert und teuer ist – von der Schöpfungserzählung an bis zu den Jesusgeschichten.

Die Barmherzigkeit mit den Unbarmherzigen – das könnte eine Überschrift über das Buch der Bücher sein. Es macht uns frei, zu sehen, zu verstehen, zu lernen wie wir sind, wer wir sind und wie wir „funktionieren“ in dieser Welt, weil wir wissen:
Auch wo wir des Paradieses verwiesen sind, werden warme Kleider aus Fellen für uns gemacht. Auch jenseits von Eden wird für uns gesorgt.
Auch wo wir uns knechten und bekriegen öffnet sich die Perspektive des Auszugs und Durchzugs durch das Schilfmeer.
Wo wir leiden unter unserem selbstgestrickten Lebensstil gibt es das Geschenk des Schabbats und des Sonntags, an dem wir leben wie Könige und Königinnen, frei von Arbeit und Mühen genießen können.
Barmherzige Hinweise auf Wege zu unserem Lebensglück sind die 10 Gebote. Und diese Hinweise auf Lebenschancen sind beständig da, auch wenn wir sie gerade nicht ergreifen. Es wird in Liebe und Geduld abgewartet, bis es soweit ist.

Die ausgestreckte Hand ist da. Leise, übersehbar, aber da.

Es geht nicht um Imperative. Es geht um ein Sich-Locken-Lassen, sich freundliche Angebote machen lassen, Auswege zeigen zu lassen aus der Selbstzerstörung.
Es braucht unseren Kopf, unser Herz und unsere Bereitschaft, uns im Innersten berühren zu lassen. Alle drei Körperteile sind angesprochen im Wort „Barmherzigkeit“ – Herz, biblisch gesehen nicht nur der Ort des Gefühls, sondern auch des Verstandes, der Vernunft und der sachlichen Abwägung; das Innerste, der Bauch, die Intuition und, das hebräische Ursprungswort für Barmherzigkeit: der Mutterschoß, der auch ein Vaterschoß sein kann.

Und es geht darum, sich einzulassen auf den, der „Barmherzigkeit ist“, wie Lukas sagt. Das Ernstnehmen des Gottes, der, so das altindische bhar, das im Wort steckt, seine Welt „trägt, hält, erhält, hegt, pflegt, ernährt“. Und der verheißungsvolle Alternativen zur Selbstzerstörung bietet.
Der gerne mit uns das Gottesreich auf Erden durchbrechen lassen möchte. Um tagtäglich, stets von Neuem, mit einer unermüdlichen Entdeckerfreude Recht zu schaffen auf Erden für seine Geschöpfe. Denn darum geht es bei der Barmherzigkeit, sie ist kein Gegensatz zur Gerechtigkeit, sondern deren Erfüllung.

Es geht, darum, sich herauszuwagen aus dem Eigenen und sich dieser Dynamik auszusetzen, die Gott ist. Der Zuwendung zu seiner Welt und seinen Geschöpfen, der Freude am Einsatz dessen, was zu geben ist. Und es geht um ein Werden, nicht ein Sein. Unser Sein ist alt. Das Werden ist neu. Es geht um das wahrhaft Neue in diesem neuen und doch alten Jahr.

Es kommt von dem, dessen Wesen Barmherzigkeit ausmacht.

Gebrauchen wir unseren Verstand, unser Gefühl und unsere Mit-Leidenschaft, sie zu entdecken.

Amen.

Lied: EG 302, 1-3 Du meine Seele, singe

Wir danken dir Gott,
für dein Wort.

Durch seine Kraft verwandelt sich alles,
was wir denken, was wir spüren, was wir tun.

Lass unser Leben mit dieser Kraft gelebt sein,
verbunden mit allen,
die dir ihr Leben verdanken.

Mach uns offen und sensibel
für das, was wir mit ihr tun können.

Erinnere uns in den kommenden Tagen,
dass du da bist,
auch an Orten, wo wir nicht mit dir rechnen.

Lass uns ein Lichtblick sein,
ein Lächeln und eine ausgestreckte Hand.

Lass uns das Leben lernen
zusammen und miteinander.

Als Geschwister Jesu beten wir mit seinen Worten:
Vater unser

W+ Der Frieden gibt in den Höh´n

Abkündigungen

Segen

Dreifaches Amen

Musik zum Ausgang

Jahreslosung 2020: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6, 36)